Relvãokellermann: „Wir starten nie mit der Form“

Auf dem Münchner Oktoberfest 2011 liefen sich die Portugiesin Ana Relvão und der in Stuttgart aufgewachsene Gerhardt Kellermann über den Weg. Was verschlägt zwei junge Designer auf die Wiesn? Das kam so: Ana war nach ihrem Studium an der Faculdade de Belas-Artes in Lissabon für ein Praktikum bei Stefan Diez an die Isar gekommen, Gerhardt assistierte zu der Zeit im Studio Nitzan Cohen in München. Schon während seiner Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart hatte er für Cohen gearbeitet. Der leitete früher übrigens Projekte bei Konstantin Grcic, dessen Assistent wiederum auch Stefan Diez war. Die Münchner Designszene bildete damals fast noch mehr als heute eine enge Community. „Zwischen allen Büros ging es freundschaftlich zu“, erzählt Ana. „Als es hieß: „Lasst uns zum Oktoberfest gehen“ waren plötzlich alle da. Das Büro von Stefan, das Büro von Nitzan Cohen, das Büro von Mirko Borsche und auch Steffen Kehrle kam mit.“ Steffen Kehrle war einst ebenso bei Stefan Diez in der Lehre. Eine weitverzweigte Familie also.

Offener Geist

So ergab es sich auch, dass Ana und Gerhardt, nachdem sie ein Paar geworden waren, zusammen mit Herbert H. Schultes eine Art Design-WG in einer alten Sofafabrik in Seefeld gründeten. Schultes gehörte ebenfalls zur „Münchner Bubble“, wie Gerhard das Netzwerk nennt. Alle drei hatten eigene Projekte, es gab aber auch Teamworks wie die „Solitaires“ für Bulthaup. Elemente wie Tisch, Bank oder ein offenes Regal, die in klarer zurückgenommener Formensprache einen eleganten Übergang von der Küche zum Wohnbereich schaffen. 2014 wurden sie zum Salone del Mobile in Mailand präsentiert. „Die Zusammenarbeit mit Bulthaup in Aich war intensiv und lief so gut, dass Gerd Bulthaup fragte, ob wir als Designchefs bei ihm einsteigen wollen, mit Schultes als Berater“, erinnert sich Ana. „Ein tolles Angebot, aber wir haben uns dagegen entschieden, weil uns ein offener Geist ganz wichtig ist. Wir wussten sicher, dass wir nicht für den Rest unseres Lebens Küchendesigner sein wollten“, fügt Gerhardt hinzu. Sie einigten sich auf eine freie Mitarbeit. Zeitgleich löste sich die Bürogemeinschaft in Seefeld auf, weil der Mietvertrag auslief. Für Ana und Gerhardt ergab sich über einen Nachbarn von Konstantin Grcic die Möglichkeit, Räume in der Münchner Innenstadt zu beziehen. Seitdem entwerfen sie dort unter Relvãokellermann – vielfach ausgezeichnet und preisgekrönt – für verschiedene Marken und Branchen.

Der Entwurfsprozess

Doch was macht ihn aus diesen Erfolg? Wie gehen die beiden an ihre Entwürfe heran? „Wir starten nie mit der Form, auch nie mit technischen Elementen, sondern damit zu verstehen, was der Nutzer braucht und wie wir das mit den Technologien und Materialien, die wir heute zur Verfügung haben, herstellen können. Aus dem Zweck ergibt sich dann die Form“, erklärt Ana. „Schon als Kinder haben wir unsere Eltern mit Warum-Fragen auf Trab gehalten. Neugier und die Freude am Forschen haben wir bis heute beibehalten.“ Den oft zeitintensiven Denk- und Rechercheprozess, zu dem das Einfühlen in die Bedürfnisse der Nutzer genauso gehört wie das Eintauchen in die DNA des Auftraggebers, vergleicht das kongeniale Gespann mit dem Lösen eines Sudoku-Rätsels, denn es gibt immer nur einen logisch richtigen Weg. Ist der gefunden, steht die Form meist schnell. So war es auch bei der Siebträger-Kaffeemaschine „Youn“, die Ana und Gerhardt zusammen mit den Spezialisten der Gronbach-Gruppe für die Marke Ligre entwickelten. Ihre intuitive Bedienoberfläche macht es leicht, die mit großer Ingenieurskunst ausgetüftelte Technik präzise zu steuern und einen exzellenten Kaffee zu bereiten, entweder im „easy mode“ oder für Kenner und Experimentierfreudige im erweiterten „nerd mode“. „Wir wollten eine innovative Kaffeemaschine für höchste Geschmacksqualität gestalten, die ein Gleichgewicht schafft zwischen der Sehnsucht nach handwerklicher Kaffeezubereitung und dem Bedürfnis nach Komfort in unserem hektischen Leben“, so Ana. Neben der Nutzerfreundlichkeit waren dabei langlebige Materialien und Energieeffizienz wichtig. Zudem soll sich die Maschine wie selbstverständlich in moderne Innenarchitektur einfügen. Das tut sie mit unaufgeregter Linienführung und einem Gehäuse aus eloxiertem Aluminium.

Die Haltung

Die Kreativen werden oft als Minimalisten eingeordnet. Sie selber sehen sich aber nicht so. „Dinge können reduziert in ihrer Erscheinung sein, aber reich an Bedeutung oder Funktionen“, betont Gerhardt. „Pony“ etwa, die mobile Sitz-Tisch-Kombination für den bayrischen Büromöbelhersteller Gumpo, sei eine Komposition aus einfachen geometrischen Elementen, die aber viele Gebrauchsmöglichkeiten biete und die vor allem auch Spaß verkörpere. In der Tat kann man auf dem hohen Polster in verschiedenen Positionen Platz nehmen und die drehbare runde Platte dient als Arbeitsfläche oder Ablage. „Das ist der Job, den wir für die Endverbraucher machen“, fasst Ana ihre Haltung zusammen. „Wir tragen Sorge dafür, dass sie das Produkt unkompliziert handhaben können und Freude damit haben.“

Gute Verbindungen

Für Gumpo hat das Duo viele Objekte gestaltet. Sebastian Waibl hatte 2017 das Unternehmen gerade von seinem Vater übernommen und brauchte ein Design-Update für die komplette Linie. „Wir stellten schnell fest, dass wir dieselben Vorstellungen bezüglich der Industrie haben“, berichtet Gerhardt. Er engagierte sie als Art Direktoren und es kam zu einer engen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit. „Wir sind happy, wenn sich mit ausgesuchten Marken beständige Verbindungen ergeben.“ Für die fokussierte detailgenaue Arbeitsweise sei es wichtig, das eigene Büro kleinzuhalten. Momentan gibt es dort einen Assistenten und die Whiped-Hündin Ada, die immer dabei ist. Spaziergänge mit ihr in der Natur sorgen für Entspannung, obwohl auch außerhalb des Büros viel über die Projekte nachgedacht und diskutiert wird. „Wir machen nicht wirklich eine Trennung zwischen Beruflichem und Privatem. Für uns ist das...“ Sie wollen den kompletten Artikel lesen? Hier gehts zum arcade-Abo.

Ulrike Wilhelmi
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